Ausgabe 47

„Es ist das Gefühl der Freiheit“

Professor Dr. Horst Hamann fährt leidenschaftlich gerne Motorrad

Ausgereift und verkehrssicher, dabei wendig und mit guter Kurvenlage, schlichtweg der schwarze Traum eines Mannes – so beschreibt Prof. Dr. Horst Hamann fast liebevoll sein Motorrad. Mit seinen 70 Jahren legt der viel jünger wirkende ehemalige Chefarzt der Gefäßchirurgie am Kreiskrankenhaus Leonberg noch „gute 10.000 Kilometer“ auf seiner BMW K 1200 R zurück.

Im Oktober 2010 hat er die Maschine in Duisburg gebraucht mit geringer Fahrleistung gekauft. „Ich bin dann mit Motorradklamotten dorthin gefahren und mit meiner neuen Maschine zurück“, erklärt er. Gleich fügt er die Beweggründe hinzu: „Im Alter braucht man was schnelleres. Man ist dann nicht mehr ganz so reaktionsschnell, kann aber kleine Schwächen durch eine stärkere Motorisierung kompensieren. Bei 160 PS bringt sie ordentliche 250 Kilometer Spitze. Jetzt habe ich ein technisch ausgereiftes Motorrad, das mehr Verkehrssicherheit bietet und zu dem ich volles Zutrauen habe. ABS sollte eigentlich heute Standard sein. Die flotte Beschleunigung mit angegebenen dreieinhalb Sekunden auf Hundert ist wichtig beim Überholen. Die Maschine muss auch bei höheren Geschwindigkeiten durchziehen und gut beschleunigen. So wird der Überholvorgang insbesondere bei Gegenverkehr verkürzt. Für eine derartige Maschine mit einem langen Radstand hat sie eine gute Kurvenlage und sie ist relativ wendig. Als Fahrer habe ich eine gute Sitzposition; der Beifahrer leider weniger.“ Das hielt seine Lebensgefährtin Gertraud Otero im letzten Jahr aber nicht davon ab mit ihm bei ersten Schnupperfahrten auf dem Sozius das besondere Feeling auszuprobieren. Inzwischen verfügt sie über die notwendige Motorradkleidung und fährt, wenn möglich, immer mit und urteilt: „Wir haben schon im letzten Jahr viel Spaß gehabt. Die Geselligkeit bei Ausfahrten ist das Schönste.“ Schwer fiel ihm der Abschied von seiner „Harley-Davidson V-Rod“. Völlig aus Alu gebaut, deshalb leicht, alu-silberfarben und von einem Zweizylindermotor angetrieben, der bei Porsche entwickelt und gebaut worden war. „Aber sie war trotz ihrer Bauweise schwer zu bewegen, was besonders in Haarnadelkurven merkbar wurde.“

Schon mit 18 Jahren hat Hamann den Führerschein gemacht. Als Student fuhr er Motorroller und danach hin und wieder Motorrad. Vor rund 20 Jahren lernte er im Krankenhaus motorradbegeisterte Kolleginnen und Kollegen kennen und so wurde aus dem hin und wieder ein regelmäßiges Fahren mit „Choppern“ und anderen Typen. Bis heute hat sich die Tradition gehalten, dass aktuelle und ehemalige motorradbegeisterte Mitarbeiter am Leonberger Krankenhaus eine gemeinsame Jahresausfahrt durchführen. So bleiben alte Seilschaften erhalten und neue Bekanntschaften werden geknüpft. Viele Jahre fuhr Hamann mit Gruppen zwischen 10 und 15 Personen an die Mosel, den Lago Maggiore, an den Bodensee nach Südtirol oder nach Kärnten. „Jetzt bin ich Rentner, habe Zeit und fungiere als Organisator. Wir fahren in diesem Jahr über ein verlängertes Wochenende vier Tage nach Eppan in Südtirol. Ich habe bereits alles gebucht.“

Beim „Bikers Fun Club Leonberg“ (www.bfc-leonberg.de) ist er ein Oldie unter rund 50 aktiven Motorradfahrern im Alter zwischen 20 und 70 Jahren. Mit gleichgesinnten Motorradfreaks unternimmt er kleine und große Ausfahrten. Bei beiden gilt für ihn „der Weg ist das Ziel“ und er beschreibt: „Der Tourenguide sucht bei kleinen Ausfahrten möglichst ein Ziel aus, das unter 300 Kilometer entfernt liegt und noch am Freitagnachmittag erreicht werden kann. Die Unterkunft wird vorher gebucht. Nichts teures, denn dort sind wir nur zum Schlafen und Essen. Der Abend gehört der Kameradschaft. Zu erzählen gibt es immer etwas. Dann heißt es früh aufstehen am Samstagmorgen, denn um 9 Uhr ist Abfahrt. Dann fahren wir auf schönen Strecken. Diese sind es, wenn sie gut ausgebaut und kurvenreich sind und im Idealfall auch noch viele Höhenmeter zurückgelegt werden. Nur Haarnadelkurven bedeuten Schwerstarbeit. Trotzdem muss jeder Motorradfahrer einmal in seinem Leben das Stilfserjoch in Südtirol gefahren haben. Aber einmal reicht. Der Sonntag bringt dann meist noch eine kleine Runde und die Rückfahrt. Bei einer großen Ausfahrt sind die Teilnehmer eine ganze Woche mit Standquartier unterwegs. In diesem Jahr fährt der „Bikers Fun Club“ nach Kärnten. Wegen des langen Hinweges von rund 550 Kilometern ist dann ausnahmsweise der Weg nicht das Ziel und es wird schon einmal die Autobahn benutzt. „Dort allerdings werden wir die Großglockner-Hochalpenstraße und weitere interessante Bergstraßen in Richtung Slowenien und Italien befahren.“

Dann werden die Teilnehmer das erfahren, was Horst Hamann als das besondere Feeling des Motorradfahrers beschreibt: „Es ist das Gefühl der Freiheit. Die Luft um sich rum. Alles aus nächster Nähe aufnehmen, was unsere Sinne können. Das macht Spaß. Die Reaktionsbereitschaft wird gefordert. Das ist gut für das Trainieren der schnellen Auffassungsgabe. Man ist danach ordentlich geschafft aber die ausgeschütteten Endorphine gleichen das aus. Und ganz wichtig ist das Erleben in der Gemeinschaft. Und auch auf die Sicherheit achte ich strikt. Es ist verpönt aus der Reihe auszuscheren und wild zu überholen. Die Gruppe hat bei unter 10 Motorrädern eine ideale Größe und ich achte als Guide darauf, dass die Teilnehmer auch vom Fahrkönnen her zusammen passen.“ Trotz aller Vorsicht hatte auch Horst Hamann bereits gefährliche Situationen zu überstehen. „Einmal fuhren wir vom Inntal kommend hoch in Richtung Kühtai. Die Straße war kurvig und hinter einer Kurve tauchte plötzlich eine Kuh auf. Ich versuchte auszuweichen. Das gelang nicht ganz und sie erwischte mich oder ich sie an der linken Hand. Das Motorrad machte einen Satz nach rechts. Ich landete im Acker aber das Motorrad fiel nicht um. Die Kuh drehte sich um und trottete dann weiter. Die Folge war nur eine geschwollene Hand. Auf der Weiterfahrt konnte ich kaum mehr die Kupplung ziehen. In der Tat – so eine Kuh ist schon was Großes.“

Noch mal stresslos Amerikas Westen oder Kanadas weite Landschaften befahren. Das könnte er sich in den nächsten Jahren gut vorstellen. Oder aber mal gen Osten nach ­Polen oder Lettland oder… Prof. Hamann gehen die Ziele nicht aus.       Alfred Kauffmann