Ausgabe 47

Mit dem Liegefahrrad um die Welt

Uwe Mangold bereiste drei Jahre die Welt mit dem Rad

Uwe Mangold hat sich 1996 von allem losgelöst und die Welt bereist. Drei Jahre hat er auf dem Rad eine Menge Menschen, Kulturen und sich selbst gefunden.  „Deutschland und Europa insgesamt bietet sich an, mit dem Rad zu befahren. Man sammelt immer neue Eindrücke“, sagt der Weil der Städter, der in Malmsheim Fahrräder verkauft und wieder auf Vordermann bringt.

Erzählen kann Uwe Mangold eine Menge. Sei es von der dreimonatigen Reise durch die neuen Bundesländer, vom Trip nach Hawaii, Marokko oder Rom – aber sein Herz blüht regelrecht auf, wenn er vom Iran berichtet. Bis heute zieht es ihn alle zwei Jahre dort hin. „Viele bezeichnen es als das deutscheste Land außerhalb Deutschlands. Iran heißt übersetzt ‚Land der Arier‘“, klärt Mangold auf. Ein Land, über das es wohl die meisten Missverständnisse gibt, wenn man es nur aus den Nachrichten kennt. Freilich ist es ein Land der Verbote, unter anderem Alkohol ist dort tabu. „Aber Heroin gibt es dort an jeder Hausecke, und es finden die wildesten Privatpartys statt.“ Es ist zudem an der Tagesordnung, dass sich die Menschen über die arabische Regierung mokieren. „Das Sagen hat dort nicht der Präsident“, so Mangold, „sondern der oberste Mullah.“ Auf eigene Faust organisiert er alle zwei Jahre für eine kleine, private Reisegruppe eine 14-tägige Tour durch das große Land im Vorderen Orient. Fasziniert ist er von Esfahan, „die schönste Stadt der Welt“, sagt Mangold. „Zumindest wenn man Menschen fragt, die schon in Moskau, Paris, New York oder London waren.“ Uwe Mangold kommt regelrecht ins Schwärmen, wenn er an den Iran denkt. Ein Land, das eben doch viele andere Facetten hat als ein gestrenges Mullah-Regime und verhüllte Frauen zu bieten hat. Im Gegenteil – gerade Frauen entwickeln im Iran ein großes Selbstbewusstsein, haben mit über 60 Prozent eine hohe Quote Studierender. Auch deshalb, weil dann die Chancen steigen, das Land irgendwann zu verlassen. „Und die Eltern dulden das auch, verhindern es nicht“, ergänzt Mangold.

Uwe Mangold reiht ein Erlebnis an das andere, greift in eine scheinbar unerschöpfliche Kiste an Ereignissen auf seinen Fahrten. Im Iran gibt es kein Copyright-Abkommen, was den Handel mit gefälschten Artikeln florieren lässt. „Man kann sich dann sogar für den Original-Artikel oder die Fälschung entscheiden. Auch eigene Schuh-Kreationen mit aufgenähtem Adidas-Logo seien kein Problem. „Auf dem Basar in Teheran, dem größten der Welt, gibt es eine Straße nur mit gefälschten Artikeln.“

Doch wie kam es eigentlich dazu, dass Mangold drei Jahre eine Auszeit nehmen konnte? „Ich hatte genügend Geld verdient und mir gesagt: Jetzt reicht‘s, jetzt könnte ich auf Reisen gehen“. Gesagt, getan. Seine dreijährige Tour führte ihn drei Monate in die damals noch ziemlich neuen Bundesländer. Mangold merkte in einer sächsischen Kleinstadt recht schnell, dass es auch in deutschen Gefilden gilt, Sprachbarrieren zu überbrücken. Als Uwe Mangold sich mit seinem Liegefahrrad auf dem Marktplatz der hiesigen Stadt umschaute, fragte ihn eine Passantin: „Ja, gübbt mr da gar nüsch?“ Erst nach mehrmaligem Nachfragen kam er darauf, dass die gute Frau gefragt hatte, ob man mit dem Rad nicht umkippen könne. „Für Sprachschwierigkeiten muss man wirklich nicht weit reisen“, sagt Mangold schmunzelnd. Die Reise durch die neuen Bundesländer bezeichnet er als einen der ­Höhepunkte seiner Fahrten. Wer allerdings nicht soviel strampeln möchte, und dennoch das Gefühl bekommen will die Welt bereist zu haben, sollte nach Norddeutschland. „Dort kann man in weniger als fünf Minuten von Amerika nach Russland fahren“, sagt Mangold knitz. Dort heißen nämlich zwei benachbarte Dörfer so. „Sogar nach „Himmelreich“ kann man fahren“, sagt er lachend.

Auf Hawaii machte ihm ein Verkäufer von Getränken deutlich, was er von Zugereisten hielt. „Dort wurden an einer Bude Getränke angeboten, allerdings kein normales Sprudelwasser, sondern Gatorade und so. Die Getränke waren vor dem Laden in der prallen Sonne aufgebaut.“ Mangold wies den Verkäufer an, eine Flasche in der Gefriertruhe zu kühlen, er komme dann in einer halben Stunde wieder. „Get outta here, you fucking tourist (sinngemäß: hau ab, du sch… Tourist)“, entgegnete ihm der Hawaiianer.

Seine teuerste Unterkunft hatte Mangold in Finnland, als er in Helsinki in einem 12-Bett-Zimmer für 50 Euro nächtigte – wohlgemerkt für eine Nacht. „Aber auf dem Land war es irrsinnig günstig. Da zahlte man für eine Blockhütte mit Seeblick 12 Euro. Also sehr starke Unterschiede“, so Mangold. Bei seinem Trip durch die Türkei stieß er auf ein sehr weltoffenes und westliches Istanbul. „Überhaupt ist der ägäische Raum sehr westlich geprägt“, lässt Mangold wissen. Dort schnappte er auch ein weitläufiges Zitat auf, dass es in der gesamten Ägäis keine Jungfrauen über 16 Jahre gebe.

Es ist wohl wirklich so, wie der Volksmund sagt: Wenn einer eine Reise tut, kann er was erzählen. Uwe Mangold hat sich bei seiner dreijährigen Tournee mit unterschiedlichsten Kulturen, Regierungsformen, Denkweisen und Dialekten auseinandergesetzt. Und noch heute geht ihm beim Erzählen der Geschichten das Herz auf. Anreiz genug, sich selbst einmal auf den Weg zu machen und die Welt kennenlernen, wie sie wirklich ist. Und nicht wie man selbst denkt, wie sie sei. Es muss ja nicht unbedingt auf dem Liegefahrrad sein.

Matthias Haug